angelika kerschhaggl-linder

visuelle orthoptische rehabilitation

Zentral bedingte Sehstörungen (cvi - cerebral visual impairment) können bei der ophthalmologischen Standarduntersuchung und der orthoptischen Zusatzuntersuchung abgeklärt und auch gut therapiert werden.

Nach einer gründlichen augenärztlichen Untersuchung (inclusive Pupillenerweiterung) wird die Orthoptistin zunächst beim Augenarzt einen erweiterten orthoptischen Status durchführen. Anschliessend wird ein cvi-screening  gemacht und wenn dieses auffällig ist, wird eine genaue cvi-Abklärung empfohlen. Diese dauert ca. 1 Stunde und wird von mir als Hausbesuch angeboten.

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Schülerinnen und Schüler mit zentral bedingten visuellen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen fallen oft durch ihre „Unkonzentriertheit“, „Unaufmerksamkeit“ oder „Leistungsverweigerung“ auf. Einige Beispiele für ihre Probleme sind:

- sie zeigen schwankendes Sehverhalten abhängig von Tageszeit, Motivation, Aufmerksamkeit

- sie haben Schwierigkeiten, sich im Buch/Heft, am Arbeitsplatz zu orientieren

- sie werden bei Arbeiten mit visuellen Aufgaben schnell müde

- sie verwechseln ähnliche Buchstaben, lassen Buchstaben/Zeilen aus

- sie machen immer dieselben Fehler

- sie haben ein sehr auffälliges Schriftbild, vor allem bei der Schreibschrift

- sie können klein Gedrucktes, besonders bei schlechtem Kontrast, nicht entziffern

- sie verlieren den Überblick, wenn zu viele Informationen auf einem Arbeitsblatt sind

- sie finden sich im Wörterbuch nicht zurecht - sie können nicht gleichzeitig zuhören und (ab-)schreiben

- sie lernen akustisch, „blockieren“ aber bei visuellen Anforderungen

- sie sind unsicher in sozialen Kontakten

An der Unterseite des linken unteren Temporallappen wurden die Neurone für die Figurwahrnehmung zu Spezialisten für die Buchstabenerkennung weiterentwickelt. Das Erkennen der Buchstaben ist keine angeborene Fähigkeit. Alle Schülerinnen und Schüler müssen in den ersten Volksschuljahren mühsam und in hartem Training die Bedeutung der geraden und gebogenen Linien erlernen. Senkrechte, waagrechte und schräge Linien, Kurven und Bögen mit Strichen, die nach rechts/links oder nach oben/unten zeigen (b d p q), stellen unsere Buchstaben dar. Dafür brauchen wir auch die korrekte Raumwahrnehmung aus dem Parietallappen. Es ist nicht egal, ob zwischen zwei senkrechten Strichen ein waagrechter = H oder ein schräger Strich = N ist.

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Linien werden zu Buchstaben, zu Wörtern, zu ganzen Geschichten zusammengesetzt, verstanden und gespeichert. Wenn die Entzifferungsprozesse automatisch ablaufen, lernt das Gehirn zunehmend den Sinn des Gelesenen zu verstehen. In den ersten drei Schuljahren lernen wir lesen, danach lesen wir, um zu lernen.

Voraussetzung für das Lesen lernen ist, dass visuelle, auditorische, sprachliche und graphomotorische Areale im Gyrus angularis und Gyrus supramarginalis (Hirnregionen, die an den Grenzen zwischen Okzipital-, Temporal- und Parietallappen liegen) miteinander verbunden werden. Dieser Lernprozess ist abhängig von der Reifung der Myelinscheiden, die die rasche Reizweiterleitung garantieren. Die Myelinisierung dieser Verbindungsbahnen ist erst um das 7. Lebensjahr abgeschlossen, bei Entwicklungsverzögerungen noch später. Beginnen wir zu lesen, lenken wir innerhalb von 100 msec die Aufmerksamkeit auf die Buchstaben. 50-150 msec später erkennen wir sie. Nach 100-200 msec verknüpfen wir die Buchstaben mit der Phonologie = Aussprache und Orthografie = Rechtschreibung. Innerhalb von 200-500 msec können wir das gesamte Wortwissen aus dem semantischen/ mentalen Lexikon abrufen und verstehen die Bedeutung des Gelesenen.

Mit der Ausreifung der Sehbahn gegen Ende des ersten Lebensjahrzehntes erreichen die Kinder die Sehschärfe von Erwachsenen und können feine Details (Schrift) analysieren. Bücher sind in den ersten Volksschuljahren noch groß gedruckt. Von Schuljahr zu Schuljahr wird die Schrift kleiner, Buchstaben- und Zeilenabstände werden enger. Noch anspruchsvoller ist die cerebrale Verarbeitung der Hand-/Schreibschrift. Erfolgt diese Reifung nicht altersgemäß, treten Schwierigkeiten beim Lesen lernen auf. Kinder können zwar einzelne Buchstaben, auch wenn sie sehr klein sind, erkennen. Ist aber der Abstand zwischen zwei Buchstaben zu eng, kommt es zu einer Kontureninteraktion, d. h. die Linien verschwimmen ineinander. Klein Gedrucktes kann nicht mehr entziffert werden. Wir sprechen von Trennschwierigkeiten oder Crowding. Crowding ist aber kein Problem das nur Schreiben und Lesen betrifft, sondern tritt in allen Situationen mit großer Reizdichte auf. Finde ich mein Lieblingsjoghurt im Kühlregal, die Freundin am Christkindlmarkt oder den kleinen Hund im Wimmelbilderbuch? Hinweise auf Crowding ergeben sich bei der augenärztlichen Untersuchung. Die Sehschärfe bei Prüfung mit Einzelsehzeichen (Optotypen) ist besser und wird deutlich schlechter bei dicht aneinandergereihten Optotypen = Reihensehzeichen (ähnlich den Worten). Aber nur der Reihenoptotypenvisus gibt Auskunft über die Lesefähigkeit.

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